S.171 LEGEND, Dresden
     
  

1989 und danach

Im Oktober 1989 begannen wie in Leipzig auch in Dresden die Demonstrationen gegen die infolge der politischen Veränderungen in der Sowjetunion bereits stark geschwächte und konzeptlose Staatsführung.

Die Eisenbahnzüge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen fuhren über Dresden in die Bundesrepublik, was am Dresdner Hauptbahnhof zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Ausreisewilligen führte. Ansonsten jedoch konnten durch die von verantwortungsvollen Bürgern und Kirchenvertretern angestoßenen Vermittlungen zwischen den Demonstranten und der Polizei größere Gewaltausbrüche vermieden werden. In der Stadt entstand ein demokratisches Bürgerkomitee, die "Gruppe der 20". Der Sturm der Bürger auf die Bezirksstelle der Staatssicherheit auf der Bautzner Straße traf schon auf keinen Widerstand mehr.

Im Jahr 1990 fanden die ersten Landtagswahlen nach langer Zeit statt. Der Freistaat Sachsen - mit Dresden als Landeshauptstadt - war wiedergeboren. Nach den Kommunalwahlen in Dresden übernahm Dr. Herbert Wagner das Amt des ersten Dresdner Oberbürgermeisters nach der politischen Wende.

Im Februar 1995 beging Dresden den 50. Jahrestag der Zerstörung mit Messen in der Hofkirche, einem Requiem in der Kreuzkirche, einer Gedenkveranstaltung vor der Ruine der Frauenkirche, einer feierlichen Kranzniederlegung am Massengrab auf dem Heidefriedhof und zahlreichen Ausstellungen. 129 Glocken von 47 Dresdner Kirchen läuteten in der Abendstunde, in der 50 Jahre zuvor die erste Fliegerangriffswelle Dresden erreichte. In Gedanken war man auch bei solchen Städten wie Coventry und Rotterdam, aber auch solchen, die bis zur Gegenwart Opfer sinnloser Zerstörung wurden.

In den Jahren 1997 bis 1999 rollte die bislang letzte große Eingemeindungswelle über das Dresdner Umland hinweg, bei der die Gemeinden Gompitz und Cossebaude im Westen, Weixdorf und Langebrück-Schönborn im Norden und Schönfeld-Weißig im Osten zur Stadt gelangten. Diese mitunter auch scherzhaft "Eingemeindung von Kartoffelfeldern" genannte Stadtvergrößerung brachte zwar einen enormen Flächenzuwachs (von 226 auf 328 km²), der die Position Dresdens im deutschen Städte-Ranking deutlich verbessert, aber keinen nennenswerten Bevölkerungszuwachs. Vielmehr sank die Einwohnerzahl von 518.000 im Jahr 1990 auf 473.000 im Jahr 2001, was auf geringe Geburtenraten und eine beträchtliche Abwanderung zurückzuführen ist.

Der im Jahr 1990 einsetzende Bauboom nahm recht wenig Rücksicht auf den Charakter Dresdens und die Dresdner Bautradition. Riesige "Einkaufstempel", "Großraum-Aquarien" und "Bürosilos" schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Stadtplanung konnte den Aktivitäten der Investoren nicht mehr folgen. Die neuen Gebäude sehen nicht anders aus als solche in Hamburg, München oder Berlin - einen lokalen Flair sucht man bei ihnen vergebens.

Vor allem auch im Dresdner Umland und im Norden der Stadt hatte es in der Zeit der DDR bedeutende sowjetische Militäreinrichtungen gegeben (ebenso Einrichtungen des Geheimdienstes KGB, in denen z.B. der heutige russische Präsident Wladimir Putin tätig war). Der Abzug der sowjetischen Truppen erfolgte zwischen 1991 und 1994 und ließ große Brachflächen und sanierungsbedürftige Bauwerke zurück, für die sich wegen der hohen Sanierungskosten nur schwer gewerbliche Nutzer finden lassen.

Im Zusammenhang mit der Wiederbebauung der Südseite des Altmarktes begannen im Jahr 1993 archäologische Grabungen in diesem Bereich. Nach dem Aufbau zweier großer Kaufhäuser kamen die Arbeiten dann hier zunächst zum Erliegen.

Der ebenfalls von archäologischen Grabungen begleitete Wiederaufbau des Neumarktes bietet die Chance, sich an alte, durchaus noch akzeptable Konzepte für die Stadtstruktur anzulehnen. Die wiederaufgebaute Frauenkirche wäre inmitten von moderner Architektur aus Glas und Beton nur schwer zu ertragen. Es gilt, die Identität der Stadt, ihren einzigartigen Bezug zur Landschaft des Elbtales, die Wirkung der Stadtsilhouette und der historischen Gebäude sowie den spezifischen Charakter eines jeden Stadtteils so weit wie möglich zu wahren.

Der ganze Bereich des vor dem Hauptbahnhof gelegenen Wiener Platzes ist seit 1990 eine einzige große Baustelle (eine der größten in Ostdeutschland). Die Bauarbeiten begannen vollkommen überstürzt. Seitdem standen hier riesige Baugruben offen, weil Probleme mit der weiteren Finanzierung und Unstimmigkeiten bezüglich der Entwürfe und Nutzungen der geplanten Gebäude die Baumaßnahmen nahezu zum Erliegen brachten. Die Übersättigung der Stadt mit Läden, Büros und Hotels ließ die Attraktivität des Standortes Wiener Platz für entsprechende Investitionen schnell sinken. Diese Baustelle brachte der Stadt Dresden seit 1990 Verluste in dreistelliger Millionenhöhe. Auch der Schaden für den Tourismus war groß, denn den am Hauptbahnhof ankommenden Besuchern Dresdens zeigte die Stadt hier mehr als 15 Jahre lang ein sehr unschönes Gesicht.

Aus Sicht des Tourismus, der zu den wichtigsten Einnahmequellen Dresdens gehört, wäre eine großflächige Verkehrsberuhigung Dresdens, der Rückbau der Verkehrsanlagen auf das für öffentliche Verkehrsmittel und den Anlieferverkehr erforderliche Maß und eine starke Förderung (und Verbilligung) der öffentlichen Verkehrsmittel erforderlich. Die konservative Stadtführung sieht jedoch im Straßenverkehr einen wichtigen Wirtschaftszweig und fühlt sich der unseligen Devise "Freie Fahrt für freie Bürger" verpflichtet. So nahm der Dresdner Stadtverkehr seit 1990 ein für Anwohner und Besucher nahezu unerträgliches Ausmaß an. Die großzügigen Verkehrsbauten und der selbst im historischen Zentrum permanent flutende Verkehr beeinträchtigen die touristische Attraktivität der Stadt enorm. Die Fahrpreise der öffentlichen Verkehrsmittel haben sich unterdessen seit 1990 drastisch verteuert. Lärm, Schmutz, bis zum letzten Quadratmeter mit Autos zugestellte Flächen, permanenter Stress und die sich aus jeder Unachtsamkeit ergebende Gefahr für Leben und Gesundheit durch den hektischen Autoverkehr lassen den Aufenthalt in Dresden zu einer Belastung werden, der sich viele Besucher kein zweites Mal aussetzen möchten.





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