S.170 LEGEND, Dresden
     
  

Der Aufbau Dresden’s

Am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, marschierte die Rote Armee in Dresden ein. Am 10. Mai trat eine provisorische Stadtverwaltung zusammen. Der sowjetische Stadtkommandant berief Dr. Rudolf Friedrichs zum Dresdner Oberbürgermeister.

Die Sowjetische Militäradministration setzte eine Sächsische Landesverwaltung ein. Von 1945 bis 1947 war Dr. Rudolf Friedrichs ihr Präsident. Kurt Fischer war 1. Vizepräsident.

Der neu gebildete Dresdner Magistrat musste zuerst die Lebensgrundlagen der Bevölkerung, d.h. die Lebensmittel-, Wasser-, Gas- und Stromversorgung sichern und die Verkehrseinrichtungen wieder in Gang setzen. Während die vollkommen zerstörte Innenstadt nun nahezu unbewohnt war, lief das Leben in den äußeren Stadtbereichen schon Ende Mai 1945 wieder an. Hier ging auch die Strom-, Wasser- und Gasversorgung wieder in Betrieb und die Straßenbahnen fuhren wieder. Die Marienbrücke und die Albertbrücke wurden behelfsmäßig aufgebaut. Noch im Jahr 1945 konnte man 50.000 leicht und 3.000 mittelschwer beschädigte Wohnungen wiederherstellen.

Obwohl es zunächst zwingend notwendig war, die Versorgungsanlagen wieder funktionsfähig zu machen, die Warenproduktion in Gang zu bringen und wenigstens provisorisch Wohnungen herzurichten, wurde schon im Jahr 1945 mit der Sicherung historisch wertvoller Bausubstanz begonnen. Denkmalpfleger, Architekten und Bildhauer sowie unzählige freiwillige Helfer begannen mit der Bergung von historischen Bauteilen, vor allem von Gebäudeschmuck und Plastiken, und bereiteten den Wiederaufbau von historischen Gebäuden vor. Noch während der Enttrümmerung begann der Wiederaufbau des als Symbol Dresdens geltenden Zwingers und des weniger stark zerstörten Schauspielhauses. Das Schauspielhaus konnte schon 1948 mit der Aufführung der Oper "Fidelio" wieder eröffnen. Der Zwinger war im Jahr 1964 äußerlich fertiggestellt.

Aus der Innenstadt war eine Trümmermenge von etwa 18 Millionen m³ abzufahren. Ein Denkmal vor dem Neuen Rathaus erinnert an die Trümmerfrauen, die zu einem Symbol dieser Zeit wurden. Zuerst legte man die wichtigsten Verkehrsstraßen frei, dann folgte die Flächenberäumung, die in weiten Gebieten der Innenstadt wie z.B. in der Johannstadt und an der Prager Straße eine nahezu leere Brachfläche hinterließ.

Die Hauptphase der Enttrümmerung dauerte von 1950 bis 1962. Verwendbare Materialien wurden auf Halden zwischengelagert und in Baustoff- und Betonwerken wie dem in der Johannstadt verarbeitet. Der übrige Schutt fand bei großflächigen Aufschüttungen z.B. am Johannstädter Ufer Verwendung oder wurde zu Trümmerbergen aufgeschüttet, die man später begrünte. Die großen beräumten Areale blieben zunächst unbebaute Grünflächen - einige davon auch noch bis nach 1990.

Bei der städtebaulichen Planung für den Wiederaufbau diskutierten die Verantwortlichen zunächst sehr unterschiedliche Lösungen, die von der Wiederherstellung des Zustandes vor 1945 bis zu einer völlig neuen Stadtstruktur reichten. Die Denkmalpfleger bemühten sich um eine weitgehende Bewahrung der Grundstruktur der Innenstadt und um die Sicherung der Ruinen der bedeutendsten historischen Bauten sowie die Vorbereitung ihres Wiederaufbaus. Sie konnten sich jedoch in vielen Positionen nicht durchsetzen.

Der unter anderen von Stadtbaurat Herbert Conert erarbeitete "Große Dresdner Aufbauplan", der erste Aufbauplan für die Innenstadt mit ihren historischen Gebäuden, Verkehrsanlagen, Versorgungsnetzen und Grünanlagen, wurde bereits im Jahr 1946 beschlossen. Er sah die Einrichtung einer Nord-Süd-Achse und einer Ost-West-Achse mit dem Altmarkt als Schnittpunkt vor. Die historische Stadtstruktur sollte soweit wie möglich bewahrt bleiben, was dann aber kaum gelang. Der Plan enthielt auch Maßnahmen zur Sicherung historischer Gebäude und Denkmäler.

Die Grundakte von 1951 stellte die Weichen hin zu dem in der Zeit der DDR verwirklichten Dresdner Stadtbild. Dazu gehört z.B. die Umwandlung des Altmarktes in einen überdimensionierten Fest- und Demonstrationsplatz, die Anlage breiter Verkehrstrassen durch die Innenstadt und die Beseitigung der vielen kleinen Gassen, die das historische Zentrum einst geprägt hatten. Die Sophienkirche wurde endgültig abgerissen, obwohl ihre Ruine wiederaufbaufähig war. Der Abriss der Ruine der Semperoper stand zur Diskussion, konnte aber dank des Engagements des Architektenverbandes, einer großen Unterschriftensammlung der Arbeiter des Sachsenwerkes Niedersedlitz und vieler Künstler sowie eines Gutachtens des Sächsischen Landesamtes für Denkmalpflege verhindert werden.

Vom Grundriss des Stadtkerns, der auf den mittelalterlichen Grundriss Dresdens zurückgeht, blieb nur die grobe Struktur erhalten. Die kleinteilige Gliederung dagegen verschwand weitgehend. Von dem einst dichten Netz von Straßen und Gassen geringer Breite blieben beim Wiederaufbau nach dem Krieg fast nur die Hauptstraßen - z.T. in veränderter Lage - erhalten. Die alten Grundstücksgrenzen waren durch die Kriegszerstörungen ohnehin kaum noch sichtbar und auf die Belange ehemaliger Grundstücksbesitzer wurde unter sozialistischen Verhältnissen keine große Rücksicht genommen.

Als neue Haupttrassen der Altstadt entstanden die Ernst-Thälmann-Straße (heute: Wilsdruffer Straße) - eine etwa 50 m breite West-Ost-Achse zwischen dem Postplatz und dem Pirnaischen Platz, die sich auch für große Aufmärsche und Demonstrationen (z.B. zum 1. Mai) eignete - und eine neue, noch breitere, 1971 fertiggestellte Nord-Süd-Achse (Leningrader Straße, heute: St.Petersburger Straße) zwischen dem Hauptbahnhof und der Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke (heute: Carolabrücke).

Die einst über die Prager Straße und die Augustusbrücke laufende Nord-Süd-Achse wurde in eine vom Hauptbahnhof bis zum Platz der Einheit (heute: Albertplatz) reichende Fußgängerzone umgewandelt. Die sehr zu begrüßende Entscheidung, den Fahrverkehr, der früher durch die Prager Straße lief, östlich am Stadtkern vorbeizuführen, war in den 1950er Jahren getroffen worden.

Der im Jahr 1968 einsetzende Aufbau einer "sozialistischen Stadt" mit großen Aufmarschplätzen und -straßen sowie eintönigen Plattenbauten selbst im inneren Stadtbereich war ein Bruch mit der Dresdner Bautradition, der heute, wenn der unkontrollierte Nachwende-Bauboom erst einmal abgeklungen ist, zusammen mit dessen Fehlleistungen behutsam rückgängig gemacht werden muss.

Dresden entwickelte sich ab 1950 zum Kern eines großen Siedlungsraumes (Ballungsgebietes), der auch Meißen, Coswig, Radebeul, Freital, Radeberg, Heidenau und Pirna sowie zahlreiche Einrichtungen der Industrie, des Verkehrs, des Erholungswesens und der Kultur umfasst. Dieser Großraum stellt heute eine soziale, kulturelle, wirtschaftliche und touristische Einheit dar.

Erste Etappen des Wiederaufbaus


Am 4. August 1945 gründete sich die Kommission für Bergung und Wiederaufbau. Noch im selben Jahr begannen die Arbeiten zur Sicherung historischer Bausubstanz und der Wiederaufbau des Zwingers. Im Jahr 1946 wurden die Ruinen der Sempergalerie, der Semperoper und des Schlossturmes gesichert. Im selben Jahr begann der Wiederaufbau der Kreuzkirche, des Neuen Rathauses und der Katholischen Hofkirche (letztere bis 1976 wiederaufgebaut). Bereits im Jahr 1948 konnte das Schauspielhaus wiedereröffnen.

Im Jahr 1954 begann der Wiederaufbau der Christuskirche in Strehlen. Die Sempergalerie eröffnete 1956, der Goldene Reiter wurde 1957 wieder auf dem Neustädter Markt aufgestellt. Da man sich gegen den Erhalt der katholischen Franziskus-Xaver-Kirche in der Neustadt entschieden hatte, wurde deren Ruine im Jahr 1958 abgerissen.

Im Jahr 1964 waren das Neue Gewandhaus, der Zwinger, die Sekundogenitur und das Albertinum fertiggestellt.

Im Jahr 1950 begann der umstrittene Abbruch wiederaufbaufähiger historischer Bausubstanz mit ersten Sprengungen an der Rampischen Straße.

Die Großflächenberäumung in der Innenstadt war im Jahr 1953 abgeschlossen.

Im Jahr 1956 setzte beginnend an der Borsbergstraße (Striesen) ein industrieller Wohnungsbau in Großblockbauweise, später auch in Plattenbauweise ein. Ab jetzt prägten auch zehn- bis fünfzehngeschossige Häuser das Stadtbild.

Da schnell neuer Wohnraum benötigt wurde, entstanden die großen neuen Wohngebiete in der Stadt meist ohne Bezug auf die frühere Stadtstruktur. Auch durch verfehlte Planung, überstürzte Bauausführung, Materialmangel und erzwungene Sparsamkeit ging der Bezug zur Dresdner Bautradition weitgehend verloren. Man sagt, das alte Dresden sei beim Wiederaufbau ein zweites Mal zerstört worden. Die Zwänge der Nachkriegszeit - der fehlende Wohnraum und das brachliegende Gewerbe - ließen zunächst wohl kaum eine andere Wahl.

Nach einem zweijährigen Architektenwettbewerb begann im Jahr 1953 der Bau eines neuen Häuserensembles am Altmarkt. Dieser wurde für seine neue Funktion als Fest- und Demonstrationsplatz wesentlich vergrößert angelegt, so dass nun auch die Turmfassade der Kreuzkirche, die bis 1945 in "zweiter Reihe" stand, zur Platzgestaltung beitrug.

Die neuen Häuserfassaden an der West- und Ostseite des Altmarktes zeigen mit ihren barocken Schmuckelementen Anklänge an die Dresdner Bautradition des 18. Jahrhunderts. Solche Rücksichten wurden dann bei späteren Neubauten nicht mehr genommen. Die Bebauung des Altmarktes endete 1969 mit der Fertigstellung des Kulturpalastes, der nun die Nordseite des Platzes schloss. In ihm fanden die Philharmonie und zunächst auch die Sächsische Staatskapelle eine neue Heimstatt.

Im Jahr 1964 begann der Wiederaufbau des nach der Enttrümmerung vollkommen leeren Gebietes der Prager Straße. Hier entstand eine großflächige Anlage von freistehenden Baukörpern wie Hotels, Geschäften, einem Warenhaus, dem Rundkino und Wohnblocks.

Neben dem Wohnungsbau vollzog sich ab 1950 der Neu- oder Wiederaufbau von Einrichtungen der Verwaltung, des Verkehrs, der Industrie, der gärtnerischen Produktion (die Kunst- und Handelsgärtnereien besaßen eine große Tradition in Dresden: 1835 gab es hier 107 und 1896 bereits 154 Gärtnereien), des Fremdenverkehrs und des Hochschulwesens. Einige dieser Einrichtungen sind allerdings für immer verloren, wie z.B. das im Krieg vollkommen zerstörte Ausstellungsgelände an der Stübelallee.





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