S.167 LEGEND, Dresden
     
  

Nach dem Ersten Weltkrieg

Die Novemberrevolution 1918 zwang auch König Friedrich August III., der seit 1904 regierte, zum Abdanken. Der Freistaat Sachsen wurde gebildet. Anfang der Zwanziger wurden sehr viele Ortschaften um Dresden herum eingemeindet. Während der politisch stabileren zweiten Hälfte der zwanziger Jahre entstanden bedeutende bauliche und kulturelle Leistungen.

Dix und Kokoschka waren wichtige Lehrer der Kunstakademie, mit Mary Wigman und Gret Palucca begann in Dresden die Geschichte des europäischen Ausdruckstanzes. 1930 wurde das Deutsche Hygienemuseum eröffnet.

Dann setzte die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 den progressiven kulturellen Traditionen der Stadt ein Ende. Die brutale Unterdrückung der politischen Gegner gipfelte in den Misshandlungen und der Deportation der jüdischen Einwohner Dresdens.

1938 weitete sich die Verfolgung der Juden auch in der Gauhauptstadt Dresden aus. Zum Auftakt der Propagandawelle „Aufklärungsfeldzug Völkerfrieden oder Judendiktatur“, forderte Gauleiter Martin Mutschmann auf einer Kundgebung im „Weißen Adler“ am 31. Januar 1938 vor über 2000 NSDAP-Funktionären, dass man sich „von der jüdischen Weltpest befreien“ müsse und gab gleichzeitig Maßnahmen bekannt, mit denen jüdische Kurgäste vom Bad Weißer Hirsch vertrieben werden sollte. Im März wurde „Sachen und Rechte“ der Stiftung der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden, der aufgelösten Fraternitasloge und dem israelitischen Frauenverein vom Land Sachsen eingezogen. Vermögen der Bürger jüdischen Glaubens musste angemeldet werden und das Tragen des Judensterns wurde Pflicht. Die Tyrannisierungswelle fand ihren vorläufigen Höhepunkt für 1938 in den Novemberpogromen.

Zwischen 1933 und 1938 wurden folgende Dresdner Privatbanken und Unternehmen im jüdischen Besitz enteignet („arisiert“).

Am Donnerstag, dem 27. Oktober 1938 verfügte das Auswärtige Amt die vollständige Ausweisung aller Juden polnischer Staatsangehörigkeit. Noch am selben Abend begannen in Dresden in aller Öffentlichkeit die Deportationen. Die Gestapo verhaftete in dieser Nacht alle polnischen Juden, derer sie habhaft werden konnte, und brachte sie in die Polizeireviere. Allein in das 3. Polizeirevier Johannstadt wurden bis zum darauffolgenden Morgen laut einer Augenzeugin etwa 500 Menschen gebracht, und um 11 Uhr ohne Schlaf oder Essen mit offenen Lastwagen im Regen zum Bahnhof Dresden-Neustadt gefahren. Um 16 Uhr wurden sie auf einen Zug verladen und unter SS-Begleitung nach Polen transportiert, um dort hinter der Grenze in den frühen Morgenstunden des Samstages auf freiem Felde zum Aussteigen gezwungen zu werden. Insgesamt wurden bei dieser ersten Aktion 724 polnische Juden aus Dresden und 2804 aus ganz Sachsen nach Polen gebracht. Die Spuren vieler von ihnen verlieren sich heute in den Ghttos oder Vernichtungslagern des ein Jahr später besetzten Polens. Ihre Grundstücke und Konten gingen nach 1939 an die Treuhandstelle Ost. 

Ab dem 7. November 1938 lief eine Propagandawelle durch die örtlichen Zeitungen. Am Abend und in der Nacht kam es zu -angeblich spontanen- Kundgebungen in der gesamten Stadt. Die größte Kundgebung fand auf dem Rathausplatz statt, mit anschließendem Marsch über die König-Johann-Straße, Altmarkt, Prager Straße bis zum Hauptbahnhof. Die Synagoge wurde in Brand gesetzt. Ihre Ruine ließ man sprengen; die Kosten für den Abbruch wurden der israelitsichen Gemeinde in Rechnung gestellt. Zwischen dem 10. und 14. November wurden mindestens 151 Dresdner Juden, darunter auch berühmte und vermögende Bürger, in das Pogrom-Sonderlager des KZ Buchenwald gebracht, weitere ins KZ Sachsenhausen transportiert. Eine nicht weiter bezeichnete Zahl wurde in der Haftanstalt Mathildenstraße und weitere im Polizeigebäude Schießgasse eingesperrt.

Dem am 30. April 1939 in Kraft getretenen „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“, das den Mieterschutz für Juden aufhob und Juden verpflichtete, wohnungslose Juden bei sich aufzunehmen, folgte ab Herbst 1939 die Konzentration von Juden in sogenannten „Judenhäusern“. Es waren zunächst 37 Judenhäuser in Dresden bekannt. Durch die „Verordnung über die reinliche Scheidung zwischen Juden und Ariern in Dresden“ von 1940 wurden Juden, die noch eigene Wohnungen innehatten, gezwungen, bis zum 31. März 1940 auszuziehen und sich Platz in den verbliebenen 32 Judenhäusern suchen („um Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu vermeiden“).





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